Aktionsfelder im Betrieblichen Gesundheitsmanagement
"Weiche" Unternehmensfaktoren wie Führung, Unternehmenskultur oder das Betriebsklima rücken zunehmend ins Zentrum der Aufmerksamkeit von Analysten und Unternehmenslenkern. Da diese "weichen" Unternehmensfaktoren auch für die Gesundheit der Belegschaften von zentraler Bedeutung sind, liegen hier noch viele ungenutzte Potenziale und Synergien. Auf ihre Erschließung zielt das Betriebliche Gesundheitsmanagement. Die zentrale Maxime lautet: "Gesundheit fördert Arbeit".

- Aktionsfeld Gesundheit
- Aktionsfeld Fehlzeiten
- Aktionsfeld Führung
- Aktionsfeld Unternehmenskultur
- Aktionsfeld Betriebsklima
- Aktionsfeld Soziale Kompetenz
- Aktionsfeld Arbeitssysteme
- Aktionsfeld Gesundheitsbewusstes Verhalten
Aktionsfeld: Gesundheit
Gesundheit ist das Ergebnis von Wechselwirkungen zwischen sozialen, technischen, psychischen und biologischen Prozessen. Zu Beginn des Arbeits- und Gesundheitsschutzes stand die Verhütung physischer Risiken und Schäden im Vordergrund, verursacht durch Mängel an der Mensch-Maschine- Schnittstelle. In der Arbeitswelt des 21. Jahrhunderts wird diese Aufgabe nach wie vor eine Rolle spielen. Ins Zentrum rücken jedoch die Förderung der psychischen Gesundheit und die Bekämpfung von Mängeln an der Mensch-Mensch-Schnittstelle. Dabei kommt die gesamte Organisation ins Blickfeld gesundheitsbewusster Führungskräfte, Experten und Mitarbeiter, nicht mehr nur einzelne Arbeitsbedingungen und Verhaltensweisen.
Das psychische Befinden wird zur wichtigsten Zielgröße des Betrieblichen Gesundheitsmanagements, weil es zentral ist:
- für die Funktionsfähigkeit des Menschen in allen seinen Rollen sowie
- für die physische Gesundheit und ein gesundheitsbewusstes Verhalten – vermittelt über Emotionen wie Angst, Ärger, Hilflosigkeit, Freude und Stolz und deren hormonellen und immunologischen Folgen.
Für das psychische Befinden von großer Bedeutung sind Zuversicht, Selbstvertrauen und ein positives Selbstwertgefühl. Voraussetzung dafür sind anerkennende, hilfreiche und stabile soziale Beziehungen sowie die erlebte Sinnhaftigkeit, Verstehbarkeit und Beeinflussbarkeit der Lebensumstände, Arbeitsbedingungen und Aufgaben.
Wie zahlreiche Daten und Untersuchungen belegen, hat sich das psychische Befinden der deutschen Arbeitnehmer in den zurückliegenden Jahren deutlich verschlechtert. U.a. haben stressbedingte Rückenbeschwerden zugenommen, aber auch Erschöpfungszustände sowie Angst, Ärger und das Gefühl ausgebrannt zu sein. Dies sind "Frühindikatoren" für drohende Beeinträchtigungen, Fehlzeiten, Krankheiten und vermeidbaren Verschleiß. Gesundheitlich beeinträchtigte Mitarbeiter können durch Fehlentscheidungen, mangelnde Aufmerksamkeit oder nachlassendes Engagement und Qualitätsbewusstsein dem Unternehmen mehr schaden als durch ihre zeitweilige Abwesenheit.
Aktionsfeld: Fehlzeiten
Die durchschnittlichen Fehlzeiten sind in den vergangenen Jahren stark zurückgegangen, bedingt u.a. durch den Strukturwandel der Wirtschaft, Angst vor Verlust des Arbeitsplatzes und die Verjüngung der Belegschaften. Gleichwohl bestehen erhebliche Unterschiede zwischen Branchen und Berufsgruppen oder auch zwischen einzelnen Unternehmensteilen. Fehlzeiten erzeugen immer noch enorme, vermeidbare Kosten bei den Unternehmen und den Krankenkassen. An unterschiedlichen Fehlzeiten lassen sich Unterschiede in der Qualifikation der Beschäftigten ablesen, aber auch Unterschiede in der Qualität der Arbeit, der Führung und der Organisation. Nicht die Fehlzeiten sind das Problem, sondern die ihnen zugrunde liegenden Ursachen, die es deshalb genau zu lokalisieren und zu verstehen gilt. Fehlzeiten sollten vermieden und nicht "repariert" werden. Betriebliches Gesundheitsmanagement ist eine Investition in das Sozial- und Humankapital zur Bekämpfung und Vermeidung hoher Fehlzeiten und der ihnen zugrunde liegenden Organisationsprobleme. Es ermöglicht, Kosten zu reduzieren und den Nutzen eines Unternehmens zu steigern durch die Vernetzung der Mitarbeiter, ihre vertrauensvolle Zusammenarbeit und die Entwicklung und Pflege gemeinsamer Überzeugungen, Werte und Regeln.
Aktionsfeld: Führung
Die Führung eines Unternehmens wirkt sich – je nach Qualität – positiv oder negativ auf die Gesundheit der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus: durch Einflussnahme auf Ziele, Strukturen und Prozesse einer Organisation und durch das tagtägliche Entscheidungs- und Kommunikationsverhalten des Führungspersonals. Insbesondere Personalentscheidungen sind dabei hervorzuheben, weil sich in ihnen die Werte und Ziele einer Organisation widerspiegeln. Sie beeinflussen erheblich das Betriebsklima. Ebenso gesundheitsrelevant ist das Kommunikations- und Konfliktverhalten von Führungskräften in Richtung Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Jede verbale oder nonverbale Kommunikation enthält Signale der Anerkennung und Wertschätzung oder der Missachtung, der Ablehnung oder Gleichgültigkeit. Führungskräfte müssen allerdings – um ihrer Verantwortung gerecht zu werden – selbst vor permanenter Überforderung geschützt werden und ihr Wohlbefinden sollte durch spezielle Gesundheitsangebote gefördert werden.
Führung wirkt "ganzheitlich": auf Denken, Fühlen, Motivation, Biologie und Verhalten der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Schlechte Führung demoralisiert, fördert Hilflosigkeit und Angst. Gute Führung stärkt Zuversicht, Vertrauen und Unternehmensbindung.
Aktionsfeld: Unternehmenskultur
Gemeinsame Überzeugungen, Werte und Regeln sind wichtige Quellen des betrieblichen Sozialkapitals. Sie stiften Sinn, reduzieren den Aufwand an Koordination, motivieren zu gemeinsamem Handeln, verpflichten auf gemeinsame Ziele und verbindliche Verhaltensstandards. Damit werden wesentliche Ursachen sozialer Konflikte, von Mobbing, Angst und Hilflosigkeit reduziert. Gemeinsame Überzeugungen, Werte und Regeln helfen, Stress zu vermeiden bzw. mit ihm schädigungsfrei umzugehen. Wichtige Merkmale einer Vertrauenskultur sind Transparenz unternehmerischer Entscheidungen und die Beteiligung der Beschäftigten. Je geringer der Vorrat an gemeinsamen Überzeugungen, Werten und Regeln im Unternehmen, desto höher ist der Bedarf an Kontrolle, Koordination und Abstimmung. Dies erhöht die Anzahl möglicher Konfliktfelder sowie die Konfliktintensität, senkt das Vertrauen und beeinträchtigt die Unternehmensbindung. Auf Dauer hat dies negative Auswirkungen auf Motivation, Wohlbefinden und die körperliche Gesundheit der Beschäftigten und dadurch auch auf das Betriebsergebnis.
Aktionsfeld: Betriebsklima
Der Mensch ist ein soziales Wesen. Zwischenmenschliche Beziehungen sind von zentraler Bedeutung für Problemlösung und Gefühlsregulierung, für biologische Prozesse und Verhalten. Deshalb hängen Wohlbefinden, Gesundheit und Arbeitsverhalten der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter maßgeblich ab von der Qualität, Stabilität und vom Umfang ihrer sozialen Beziehungen. Soziale Beziehungen, die als feindselig oder konfliktbehaftet erlebt werden, wirken belastend, d.h. sie haben einen entsprechend negativen Einfluss auf Kognition, Emotion, Motivation und auf das Arbeits- und Gesundheitsverhalten. Wird das Betriebsklima im Unternehmen als vertrauensvoll und unterstützend erlebt, hat dies einen stark positiven Einfluss auf Denken, Fühlen und Handeln. Insgesamt werden hierdurch das Arbeitsverhalten und das berufliche Engagement verbessert. Beschäftigte bleiben länger arbeitsfähig und belastbar, innere Kündigung wird vermieden, Gesundheitsbewusstsein und Lebensqualität nehmen zu.
Aktionsfeld: Soziale Kompetenz
Neben dem Umgang mit Technik und Wissen wird der Umgang mit Menschen ein immer wichtigerer Teil unserer Arbeit. Hohe soziale Kompetenz wird für die Wettbewerbsfähigkeit und den Erfolg eines Unternehmens daher immer bedeutsamer. Sie zählt zum Kernbereich des Humankapitals. Angemessene Qualifikation und soziale Kompetenz führen dazu, dass Kooperation leichter fällt, Wissen schneller ausgetauscht wird, Kunden zufriedener sind und Stress vermieden bzw. gesundheitsförderlicher bewältigt wird. Sozial kompetente Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind teamfähiger und eher in der Lage, ein Klima der gegenseitigen Hilfe und Unterstützung zu entwickeln – eine wesentliche Quelle betrieblichen Sozialkapitals.
Aktionsfeld: Arbeitssysteme
Arbeitsbedingungen, Anforderungen und Arbeitsabläufe sind von weitreichender Bedeutung für die Gesundheit der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. "Stress frisst Kommunikation" und erhöht die Wahrscheinlichkeit von Fehlern. Chronischer Stress fördert Reizbarkeit, gesundheitsschädigendes Verhalten, die Entstehung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Burnout. Er beeinträchtigt das Betriebsklima und die Kundenzufriedenheit, führt zu erhöhten Fehlzeiten und zu erhöhter Fluktuation. Unsoziales Verhalten, innere Kündigung und das Mobbingrisiko nehmen zu. Eine große Bedeutung hat in diesem Kontext auch die "Work-Life-Balance": Belastende Arbeitsbedingungen begünstigen Stress in der Partnerschaft und der Familie, dies wiederum hat negative Rückwirkungen auf die Arbeit. Eine familienbewusste Arbeitsorganisation (z.B. durch flexible und lebensphasenorientierte Arbeitszeiten, Sabbaticals und eine flexible Verteilung von Arbeitsaufträgen) hingegen erhöht Wohlbefinden, Arbeitszufriedenheit und Einsatzbereitschaft.
Aktionsfeld: Gesundheitsbewusstes Verhalten
Nicht nur Unternehmensleitungen und Führungskräfte tragen Verantwortung für die Gesundheit ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Die Beschäftigten sind auch selbst dafür verantwortlich. Gesundheitsbewusstsein muss gepflegt und Gesundheit zum Kernbestandteil von Leitbild und Kultur eines Unternehmens werden. Bewegungsmangel, Fehlernährung und hoher Genussmittelkonsum bergen erhebliche Gesundheitsrisiken. Ohne Mitverantwortung und aktive Beteiligung der Beschäftigten lassen sich oft auch arbeits- und organisationsbedingte Risiken nicht frühzeitig erkennen. Das Gesundheitsbewusstsein in der Bevölkerung steigt mit wachsendem Bildungsniveau bzw. den betrieblichen Qualifikationsanforderungen. Angebote zum gesundheitsbewussten Verhalten sollten gezielt dort ansetzen, wo der größte Bedarf besteht. Schuldzuweisungen bringen hier allerdings wenig. Verhalten folgt zumeist Verhältnissen. Am wirksamsten sind deshalb Projekte, die beides berücksichtigen und beeinflussen. Menschen können ihre eigenen Gesundheitspotenziale oft nur dann entwickeln, wenn sie dazu entsprechend motiviert und befähigt werden. Dazu gehört auch die Beseitigung von Anreizen, die gesundheitsschädigendes Verhalten fördern.

